Robert Franken: Berater, Impulsgeber für nachhaltigen Wandel, Ex-Geschäftsführer und HeForShe-Botschafter Über Utopien, Provokation und Cui bono
Robert, im Vorfeld unseres Gespräches hast du über dich gesagt: „Ich weiß nicht, ob ich so wahnsinnig kreativ bin.“ Was bedeutet Kreativität für dich – beruflich und privat?
Kreativität hat für mich nur im ersten Verständnis mit Kunst oder Design zu tun. Ich habe gelernt, dass Kreativität auch bedeutet, neugierig zu bleiben und Dinge nicht vorschnell zuzumachen. Im Job heißt das für mich, Lösungen nicht einfach vorzugeben, sondern gemeinsam mit Menschen zu erarbeiten. Das erfordert Offenheit, Demut und die Bereitschaft, die Begrenztheit der eigenen Perspektive anzuerkennen.
Privat zeigt sich Kreativität für mich im Umgang mit dem, was oft unsichtbar bleibt: Care-Arbeit im Sinne von Selbstfürsorge, Kochen, Aufräumen; einfach das bewusste Wahrnehmen von Sinn in scheinbar Alltäglichem. Um diesen Tätigkeiten Wert beizumessen, braucht es besonders viel Frustrationstoleranz in einer Welt, in der alles außerhalb von Erwerbsarbeit als „Vergnügen“ oder „Nebenbei“ abgetan wird. Kreativität ist also auch die Fähigkeit, immer wieder neu zu fragen: Wie kann ich das, was ich tue, sinnvoll gestalten?
„Vielleicht ist am Ende sogar die radikalste Form von Kreativität: sich immer wieder auf das Unfertige und das Unbequeme einzulassen.“
Du betonst in deinen Texten, wie wichtig es ist, raus aus dem permanenten Krisenmodus zu kommen. Gleichzeitig erleben viele Menschen gerade massive Überforderung und stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Wie navigierst du dieses Spannungsfeld persönlich – und welche Rolle spielt Kreativität dabei?
Wir haben es ja mit einer Polykrise zu tun. Dass wir in einen Zustand der regelmäßigen Überforderung rutschen, ist sehr menschlich und sehr normal. Wenn wir uns gegenseitig zugestehen, dass es uns damit nicht gut geht, hören wir auf, alles allein bewältigen zu müssen. Die Frage lautet: „Wie begegnen wir uns in unserer Unzulänglichkeit, ohne dass dies in einem gegenseitigen Zugeständnis von Ohnmacht endet?“ Angesichts der Weltlage ist es völlig normal, überfordert zu sein. Es gibt nicht wenige Menschen, die ‚beyond capacity‘ sind. Von ihnen können wir nicht verlangen, mit Abstand oder gar Wohlwollen auf diese Krisen zu blicken.
Es braucht Kreativität in der Frage: „Wie bringe ich Menschen eigentlich dahin, wo ich glaube, dass sie hinkommen sollten?“
Mir geht es um diejenigen, die noch Restkapazitäten haben und nicht gänzlich handlungsunfähig sind. John Fullerton hat einmal von dem „Unbehaglichen einer Postmoderne“ gesprochen: die Polykrise gemeinsam auszuhalten, ohne sofort von Politiker:innen oder Führungskräften die Lösung zu verlangen. Sondern wohlwollend hinzuschauen und zu sagen: „Das ist schon ganz schön heftig, was da von den Menschen individuell verlangt wird.“ Es geht um ‚sitting together in discomfort‘ – das Unbehagliche gemeinsam aushalten.
Der zweite Schritt wäre, zu akzeptieren, dass es nicht nur Krise oder Hoffnung gibt – beides ist da. Es gibt reale Erschöpfung, aber auch die Notwendigkeit, nicht dauerhaft im Alarmzustand zu verharren. Es geht darum, diese Zwischenräume wiederzufinden und anzuerkennen, dass wir uns in einem massiven Übergang leben. Wir spüren: Mit der Art, wie wir wirtschaften, denken und uns behandeln, kommen wir so nicht weiter – nicht im großen Ganzen. Ja, es gibt Profiteur:innen der Krisen und darüber müssen wir reden. Aber insgesamt führt dieser Weg nicht sehr weit.
Gleichzeitig existiert noch kein neues Paradigma, auf das wir einfach umschwenken könnten. Dieser Übergang – in dem sich das Alte auflöst und das Neue erst entsteht – ist eine Wahrnehmungsebene, die mir hilft, meine eigene innere Zerrissenheit zu spüren. In diesem Übergang gilt es, wieder Räume zu finden, in denen Dinge möglich werden. Am besten im Austausch mit anderen.
Vielleicht geht es darum, ein System zu Ende zu begleiten. Danach kommt etwas Neues, auch wenn wir noch nicht wissen, was. Gemeinsame Hospizarbeit.
Was kommt danach? Was ist der Tipping Point zur Veränderung? Historisch brauchte es oft Katastrophen für einen Wandel. Doch wir könnten den Übergang bewusster gestalten. „Hospizarbeit“ trifft es gut: Es geht darum, dem Alten zu helfen, in Würde zu gehen.
Das ist der komplette Gegenentwurf zu dem, was wir aktuell aus den populistischen Lagern hören. Dass es immer eine Lösung gibt, die zum Heil aller führt.
Die Kritische Psychologie spricht vom kompetenten Subjekt: Menschen agieren nicht willkürlich, sondern aus nachvollziehbaren Gründen. Das zwingt uns, ihr Handeln zu verstehen, die Strukturen dahinter zu begreifen – und dann erst zu urteilen. Wie bringen Patriarchat und Kapitalismus Menschen dazu, nach unten zu treten, statt die wahren Ursachen von Ungleichheit zu benennen? Bestimmte Kreise schüren sehr manipulativ eine Abstiegsangst. Das funktioniert leider gerade massenhaft.
Unsicherheit ist ein riesengroßer Trigger für solche Verhaltensweisen.
Es wird Angst vor dem Fremden geschürt und Linien zwischen „uns“ und „den anderen“ werden gezogen. Wenn wir den Menschen die Deutungsmacht über diese Grenzen nehmen, gewinnen wir alle an Freiheit. Doch es ist ein schmaler Grat: Die Angst ernst nehmen und sie gleichzeitig dekonstruieren. Sonst bleibt alles bei „Ja, aber“ und die Kritik verstummt. Es geht darum, die Angst anzuerkennen, ohne sie zum Maß aller Dinge zu machen.
Mir fällt es schwer, diese Dinge in Gesprächen zu platzieren, weil mir manchmal die Kraft dazu fehlt.
Allein einzugestehen, dass dir die Kraft fehlt, ist eine zutiefst menschliche Geste. Doch wie geht man mit dieser Offenheit um, wenn sie auf Widerstand stößt? Wenn ich angegriffen werde, fällt es auch mir schwer, offen zu bleiben. Unser unmittelbarer Impuls ist eben fight, flight, freeze oder fawn.
Du arbeitest in deiner Kommunikation bewusst mit Irritationen. Wie wägst du im Vorfeld ab, ob eine Irritation das Potenzial hat, Wirkkraft zu entfalten – oder ob sie primär polarisiert und damit zusätzliche Belastung erzeugt?
Das ist eine zentrale Frage. Hier hilft das Experimentbeispiel. Ich handle oft intuitiv, weil ich ein ganz gutes Gespür für Menschen und Räume habe. Wird die Irritation zu groß, versuche ich, den Raum anders zu gestalten.
Manchmal muss die Irritation auch einfach stehen bleiben. Ich provoziere, damit Dinge in Bewegung kommen. Populist:innen nutzen Provokation, um zu spalten. Wenn Menschen sagen: „Das irritiert mich“ und sich dann einlassen, entsteht Dialog. Dann können wir Missverständnisse klären, Perspektiven erweitern, Emotionen einbeziehen.
Ich arbeite bewusst mit Spannungsfeldern, weil nur sie Veränderung ermöglichen. Wichtig ist, den Standpunkt der Menschen anzuerkennen und gleichzeitig zu challengen und dann im Vertrauen gemeinsam Neues entwickeln.
Ich nutze dabei eine gute Interventionsfrage: „Cui bono?“ auf Deutsch „Wem nutzt das?“ Oder wie Stafford Beer mal gesagt hat: ‚The purpose of a system is what it does‘. Der Zweck eines Systems ist das, was das System tut oder hervorbringt. Wenn wir uns ehrlich fragen: Wem nützen eigentlich welche System-Effekte?
In deinen Texten fragst du, ob wir jemals gelernt haben, Utopien zu formulieren, in denen Teilhabe und Zugehörigkeit zentral sind. Welche Art von Utopie leitet dein Denken – und wie zeigt sie sich ganz konkret in deinem Arbeiten?
Wir werden ständig mit Dystopien konfrontiert. Sei es durch Technik-positive Narrative wie AI oder durch dystopische Vorstellungen, die uns an den Rand des Abgrunds bringen. Ich will keine Lager bilden, aber ich halte es für wichtig, Utopien wieder als Möglichkeit zu denken: Utopien sind ja nicht immer positiv besetzt, doch vielleicht sind sie genau das, was uns aus dem ganzen Schlamassel wieder herausbringt.
Für mich war die Kraft von Utopien greifbar, als ich mit dem Konzept der deutschen Soziologin Frigga Haug in Berührung kam: der 4-in-1-Perspektive. Haug, eine feministische Marxistin, schlägt vor, die 24 Stunden, die ein Tag hat, in vier gleichwertige Zeitcontainer zu unterteilen. Nach acht Stunden Schlaf bleiben 16 Stunden übrig, die wir auf vier Bereiche verteilen: vier Stunden täglich für Erwerbsarbeit, vier für Care-Arbeit, vier für politisches und gesellschaftliches Engagement und vier für mich selbst. All das auf eine Sieben-Tage-Woche gerechnet.
Das Revolutionäre an der 4-in-1-Perspektive ist, die Erwerbsarbeit aus dem Zentrum zu nehmen.
Stattdessen sind Care-Arbeit und politisches Engagement oder Ehrenamt gleichwertig. Die 28-Stunden-Erwerbsarbeitswoche kommt der Forderung nach einer 30-Stunden-Woche nah. Die magische Zahl, um Erwerbsarbeit und Care-Arbeit in Einklang zu bringen und Überlastung zu reduzieren. Utopisch? Vielleicht. Aber es zeigt, wie wir unser Zusammenleben neu denken können.
Alles richtet sich nach der Erwerbsarbeit und was dann keinen Slot mehr findet, das fällt raus.
Doch diese Utopie stößt auf eine harte Realität: Der Gender Care Gap zeigt, dass Frauen im Schnitt neun Stunden mehr Care-Arbeit pro Woche leisten als Männer – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Gender Pay Gap, die Lifetime Earnings Gap und die Pension Gap. Altersarmut ist weiblich. Diese Verschiebung schadet uns allen.
Frigga Haugs Modell bricht mit dem Paradigma der Erwerbsarbeit als Monolith. Interessant ist, wie unterschiedlich Menschen darauf reagieren. Die Frage, die sich anschließt, lautet: Wie würde sich dein Leben ändern, wenn diese Utopie Realität wäre? Viele sind überfordert und wissen nicht, wie sie frei werdende Räume füllen sollen. Für andere ist es eine echte Entlastung.
Viele sind überfordert und wissen nicht, wie sie freiwerdende Räume füllen sollen.
In dem schwingt mit, dass viele auf diese Utopie von Frigga Haug mit abschätzigen, bewertenden Reaktionen reagieren.
Die wittern gleich Kommunismus. Es ist aber ein Angebot für den Intellekt, das sehr entlastend sein kann. Manche spüren, wenn sie sich darauf einlassen: „OK, wow, da gerät was ins Wanken bei mir!“
In der Debatte wird gerade wieder versucht, die kapitalistische Verwertbarkeit von Menschen ganz nach oben zu stellen. Aber um dazugehören zu dürfen, muss ich nicht nützlich sein oder einer Norm entsprechen. Das sehen wir gerade in der Zuwanderungsdebatte: Willkommen sind nur die, die dem Status Quo unseres Systems dienen. Das kann man rational nachvollziehen, wenn man weiß, mit welchen Wirtschaftstheorien und Gesellschaftsbildern Menschen in unseren Systemen sozialisiert werden.
Aber wenn man das hinterfragt, wird es spannend, und es gibt eine Chance, uns wieder zu fragen, wie wir zukünftig gemeinsam leben und/oder arbeiten wollen.
Die LGBTQIA*-Community erlebt aktuell massive Vertrauensbrüche, wenn prominente Allies kippen – etwa im Fall von J. K. Rowling oder Nicki Minaj. Wo endet für dich systemisches Erklären (don’t fix people, fix the system) und wo beginnt individuelle Verantwortung? Und wie können Communities in solchen Momenten unterstützt werden, ohne erneut die Hauptlast zu tragen?
Einerseits wird Allyship und Solidarität mit zu wenig Ansprüchen verbunden. Beispiel: Männer und Care. Sie werden häufig schon für das ‚bare minimum‘ auf Schultern durch die Gemeinschaft getragen. Papas, die den Kinderwagen schieben, wurden bis vor nicht allzu langer Zeit dafür gefeiert. Gleichzeitig wird von globalen Allies wahnsinnig viel abverlangt. Vielleicht sollten wir nicht alles sofort als perfektes Allyship hochjazzen und damit eine Fallhöhe kreieren, die medial wartet, Leute von ihrem Sockel zu stoßen.
Wichtiger ist: Was bedeutet echte Allyship jenseits von Prominenz und Reichweite? Solidarisch sein und Menschen unterstützen, muss nicht immer dem Algorithmus dienen. Ich heiße es nicht gut, wenn Menschen mit Ally-Label am Ende nicht zu ihren Handlungen stehen. Wie kann man auf Kosten von Menschen, die es ohnehin schon schwer haben, seine Pfründe sichern wollen?
Wichtiger ist: Was bedeutet echtes Allyship jenseits von Prominenz und Reichweite?
Ich kann mir vorstellen, dass Menschen in solchen Situationen massiv unter Druck geraten. Stichwort „Cui bono?“ Wie gefestigt muss ich sein, um diese Erwartungen überhaupt tragen zu können? Vielleicht ein banales Beispiel: In der Vergangenheit wurde ich oft als sogenanntes Role Model eingeladen und sollte auch Preise bekommen. Damit kann ich wirklich überhaupt nichts anfangen. Ja, es braucht Menschen, an denen man sich orientieren kann. Aber why me? Ich bin ein ‚struggling human being‘ und maße mir nicht an, als Muster zu taugen. Orientierung gebe ich gerne, manchmal wirst du aber auch instrumentalisiert.
Wir sollten grundsätzlich kritisch bleiben, bevor wir jemanden hochjazzen. Gleichzeitig ist es völlig legitim, Menschen auch „outzucallen“, die bestimmte Dinge machen, die ihre Integrität komplett untergraben und damit ganzen Communities schaden; denjenigen also, die eigentlich genau das brauchen, wofür sie angetreten sind: Solidarität, Unterstützung, Allyship. Einerseits müssen wir die Hürden für Allys niedrig halten. Andererseits braucht es ich ein Wertegerüst, das dem Anspruch nachhaltig gerecht wird.
Es gibt prominente Figuren, die diese Arbeit bereits leisten. Bei ihnen muss ich nicht Angst haben, dass sie sich wie das Fähnchen im Winde drehen. Aber du hast eine Sache noch mal gut zugespitzt: die mediale Fallhöhe. Medien leben von Aufmerksamkeit – sie brauchen leuchtende Menschen und dass Menschen brennen. Diese Polarität zu erkennen, entlastet uns: Wir müssen nicht alles in Extremen denken, können aber trotzdem klar Stellung beziehen. Genau diese differenzierte Einordnung ist ein zentraler Erfolgsfaktor in der Allright-Kommunikation. Unser Dialog heute ist teils kompliziert, teils komplex, weil es um komplexe Sachverhalte geht.
Diese Zuspitzung auf einfache Lösungen ist ein Machtinstrument, dem wir im traditionell eher linkeren Gesamtzusammenhang gerade nur schwer begegnen können. Wir haben diese einfachen Narrative und Versprechungen schlicht nicht.
Und damit struggeln wir – auch in profeministischen Kreisen. Wir reagieren wir auf die Angebote der Manosphere an junge Männer? Der eine sagt: „Du bist genau richtig so und ich sorge dafür, dass du das bekommst, was du willst.“ Punkt. Wir antworten: „Warte, lass uns erstmal ein paar Stunden reden, um halbwegs an den Punkt zu kommen.“ Das ist anstrengend. Aber wir dürfen nicht aufhören.
About Robert Franken
Robert Franken begleitet Unternehmen und Top-Executives in der Transformation. Organisationskultur, Leadership und DEIB sind seine wesentlichen Perspektiven. Der Berater, Impulsgeber und Ex-Geschäftsführer (u. a. Chefkoch.de) sowie HeForShe-Botschafter stärkt Teams und Individuen für nachhaltigen Wandel.
Das Interview wurde von Daniela Müller redaktionell aufbereitet.
Über den Autor
Hi, ich bin Enrico von cigarsauerkraut. Ich schreibe über Design, digitale Teilhabe und Inklusion – und helfe Marken, ihr strategisches Fundament in zukunftsfähige Designkonzepte zu übersetzen.