Du machst ein TikTok-Video, siehst, dass es bei anderen Leuten erfolgreich ist, und änderst es minimal für deine Nische um. Das würde ich heutzutage nicht mehr als kreativ bezeichnen. Früher hat dich dafür eher jeder gemobbt. Kreativität ist schon immer mein Ding. Gerade weil ich sehr stark von ADHS betroffen bin. Hands up. Das ist ja auch das, was man unsere Superpower nennt. Vorausgesetzt, man kommt mit den ganzen anderen Symptomen von ADHS klar.
Nala Wahle Von fettigen Dior-Taschen und dem Mut zu radikaler Ehrlichkeit
Nala, du bezeichnest dich als Social Media Brat. Ich habe ChatGPT befragt, was „Brat“ heißt: „Brat = kreative Selbstinszenierung mit Biss, Humor und einer Fuck-you-Aura – aber eben in charmant.“ Was bedeutet Kreativität in deiner Arbeit? Und was bedeutet sie für dich privat?
In meinem Job ist Kreativität alles. Ich bin auch schon immer ein Kreativkopf gewesen. Mit 15 habe ich mich bereits als Influencerin selbstständig gemacht. Damals galt das tatsächlich noch als kreativ, weil es nicht so viel Content gab, den man, wie heute, einfach kopieren hätte können. Heute ist ja jede Zwölfjährige Influencerin.
Menschen mit ADS, ADHS und Neurodivergenz sind allgemein viel kreativer als nicht-neurodivergente. Das ist unsere Superpower.
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Menschen, die mich buchen, wollen keine Ja-Sager. Mund aufmachen ist mein Personal Brand.
Mit 27 bin ich gerade an der Grenze zum Young Professional. Aber ich habe mir dann irgendwann einfach den Titel Brat gegeben. Wörtlich übersetzt bedeutet das ja „Göre“. Weil ich bin super professionell. Ich habe in krassen Firmen für super krasse Unternehmen gearbeitet. Für mein Alter habe ich ein Portfolio, das manche nach zehn Jahren nicht haben. Und das, obwohl ich erst seit dreieinhalb Jahren auf Unternehmerseite als Social Media-Managerin und nicht mehr als Influencerin arbeite. Aber ich bin halt auch einfach ein Brat und das war ich auch schon als Influencerin und bin es auch jetzt als Managerin. Ich habe kein Problem damit, einem CEO in einem Meeting über den Mund zu fahren. Und da ich neurodivergent bin, weiß ich, dass es meiner Mental Health nicht guttut, wenn ich mich verstecke.
Es gibt das „berühmte“ ADHS-Burnout, das man vom Masking bekommt, weil man die ganze Zeit versucht, normal zu wirken. Aber irgendwann bricht man zusammen. Deshalb denke ich, dass viel mehr Menschen im Business-Kontext öfter ihre Meinung sagen sollten. Am Ende des Tages bin ich doch nicht ohne Grund Expertin in meinem Gebiet – warum stellt man mich dann ein, wenn man nicht auf meine Expertise hört?
Viele sprechen über Sichtbarkeit. Du wirkst, als wärst du längst einen Schritt weiter. Was heißt für dich: wirksam sein – und warum ist Wirksamkeit besser als Sichtbarkeit?
Ich bin da auf jeden Fall einen krassen Schritt gegangen. Ich bin ja zum Beispiel sehr aktiv auf LinkedIn. Und ich glaube, das über den klassischen LinkedIn-Content hinaus. So à la: „Ich war mit dem Hund eine Runde Gassi und das sind meine fünf Learnings daraus.“ So nehme ich LinkedIn oft wahr. Ich meine, LinkedIn ist eigentlich eine super absurde Plattform. Du findest CEOs, die über den größten Bullshit philosophieren und daraus tiefgründige Learnings ziehen. Aus einem Schwatz an der Kaffeemaschine sollte man besser keine Oscar-Rede machen.
Ich möchte nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch was verändern. Ich spreche für LinkedIn krasse Themen an und rede über sexualisierte Gewalt an Frauen, über Femizide. Aber auch mal über Politik.
Mein Content kann auch mal lustig werden. Auch über Marketing. Damit mache ich im Schnitt meine ein bis zwei Millionen Impressions im Monat, was für LinkedIn wirklich immens ist. Wenn ich sehe, dass manche auf LinkedIn Posts raushauen wie: „Ich erreiche 100.000 Impressions im Monat, kauft meinen Kurs!“, dann denke ich mir nur so: Okay. Ich habe eine sehr, sehr große Reichweite auf LinkedIn und denke schon, dass ich damit eine gewisse Wirksamkeit habe. Am Ende des Tages ist es schön, wenn die Leute deinen Namen kennen. Aber wirklich in Erinnerung bleibst du nur, wenn du für etwas stehst.
Für was stehst du?
Für radikale Ehrlichkeit. Was ich poste, würden sich 99 Prozent der Leute nicht trauen. Seit ich so ehrlich bin, sind meine Follower-Zahlen zwar immens nach oben gegangen, dafür sind die ganzen Abwerbungsangebote, die vorher täglich in mein Mail-Postfach flatterten, deutlich weniger geworden. Gerade in einer Zeit, in der über ein Viertel der Menschen in Deutschland eine rechtsradikale Partei wählt. Natürlich ist es auch jobtechnisch mutig, seinen Mund aufzumachen, denn das bedeutet, dass ein Viertel der Arbeitgeber da draußen mich wahrscheinlich niemals zu einem Vorstellungsgespräch einladen würde.
Gerade in diesen Zeiten sollten wir alle viel mehr aufstehen und für Dinge einstehen.
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Wir fragen uns immer wieder, wie das Dritte Reich möglich war. Und wir sehen gerade, wie es wieder in diese Richtung geht. Diesmal sehen wir es wirklich schwarz auf weiß, dank freier Medien und Social Media. Diesmal kann niemand mehr sagen: „Wir haben damals nicht gewusst, was passiert ist.“ Die ganzen Ausreden unserer Großeltern wird unsere Generation nicht mehr haben können. Wir werden nicht sagen können, dass wir es nicht gewusst haben oder einfach nur unsere Augen verschlossen haben. Deswegen denke ich, dass das aktuell das Wichtigste ist. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass es viele andere Firmen gibt, die umso mehr mit mir zusammenarbeiten wollen.
Respekt! Diese radikale Ehrlichkeit bedeutet natürlich auch jede Menge Energie. Von daher schätze ich dich auch als sehr als starke Person ein.
Natürlich gibt es auch bei mir Momente, in denen mir alles zu viel wird und das berüchtigte Aktivisten-Burnout zuschlägt. Vor ein paar Tagen habe ich eine LinkedIn-Pause angekündigt, weil mir alles zu viel wurde. Möchtegern-Feministinnen haben mich mit Hass und extremer Transfeindlichkeit überschüttet. Sie behaupteten, ich würde einen Mob an Menschen auf Leute hetzen, als wäre ich die böse Königin von LinkedIn. Aber am Ende des Tages merke ich: Die Themen sind zu wichtig, um eine Pause zu machen. Irgendjemand muss darüber berichten.
Auf Social Media aktiv zu sein bedeutet leider auch sehr oft, mit Hass konfrontiert zu werden. Gerade auf Instagram lese ich häufig Kommentare unter deinen Beiträgen, die dich persönlich angreifen und teilweise sogar bedrohen. Wie gehst du mit diesem Hass um?
Seit ich 15 bin, in Social Media aktiv bin und Influencerin war, bin ich diesem Hass ausgesetzt. Schon damals wurde ich tausendfach mit Morddrohungen, Vergewaltigungsandrohungen und allem überschüttet. Mit 18 hatte ich bereits Drohbriefe in meinem Briefkasten. Deshalb fällt es mir inzwischen relativ leicht, damit umzugehen. Allerdings wäre es gelogen zu behaupten, es würde mir nichts ausmachen. An einem schlechten Tag kann das auch mal richtig reinhauen.
Und was würdest du anderen Menschen empfehlen, wie man sich selbst davor schützen kann?
Der Block-Button ist eine tolle Erfindung. Ich empfehle, Menschen radikal zu blocken und anzuzeigen. Auch wenn man mit ihnen diskutieren möchte. Aber ganz ehrlich: Mit Menschen, die Hassnachrichten schreiben, kannst du selbst mit Argumenten, Studien und Fakten nie zu einem Punkt kommen.
Am Ende diskutiert man zwei Stunden mit jemandem, der nicht über „Ich hoffe, du stirbst.“ hinauskommt. Vor allem auch in der Anonymität vom Internet.
In Berlin haben wir zum Glück die Online-Wache, sodass wir Anzeigen innerhalb von drei, vier Minuten online stellen können. Dir muss aber auch bewusst sein, dass die Polizei meistens herzlich wenig tut. Deshalb mache ich es auch mehr für die Statistik als für mich selbst. Ich habe schon Vergewaltigungsandrohungen angezeigt – mit Klarnamen und Profilbild. Dann kommt allerdings von der Polizei die Antwort zurück, dass sie den Täter nicht ermitteln konnten – trotz Name, Bild und Arbeitgeber … Mach dir auch klar, dass diese Menschen auch nicht dich persönlich meinen. Sie sind krass unglücklich und hassen die ganze Welt.
Egal, ob auf LinkedIn, Instagram oder WhatsApp: Der Blockbutton ist wirklich das höchste Gut. Und es gibt ja auch tolle Sachen wie HateAid.
Erschreckend finde ich, wie extrem der Hass auf LinkedIn geworden ist. LinkedIn ist das neue Facebook. CEOs, bei denen der Arbeitgeber im Profil steht, nennen mich „du links-grün-versiffte Schlampe, ich hoffe, du stirbst“. Ich mache mir dann den Spaß und sende dem Arbeitgeber Screenshots davon. In 90 Prozent der Fälle erhält man niemals eine Antwort. Aber die eine oder andere Person wurde wegen mir schon entlassen. Das heißt allerdings nicht wegen mir. Eigentlich wurde sie ja wegen sich selbst entlassen.
Also auch da wieder die radikale Ehrlichkeit?
Absolut. Inzwischen kennen mich die Leute auf LinkedIn so gut, dass sie mich teilweise blocken, bevor ich es schaffe, mir den Beitrag anzuschauen, wenn ich unter deren Beiträgen verlinkt werde. Sie bekommen Angst, wenn sie nur meinen Namen sehen.
Viele Menschen sehen Social Media als oberflächlich – du nutzt diese Kanäle, um Tiefe zu schaffen. Wie wichtig ist dir feministischer Aktivismus – und wie setzt du Kreativität gezielt dafür ein?
Früher wurde ich durch komplett oberflächlichen Content und unnötige Dinge bekannt. Das hat Spaß gemacht und die Leute wollten es sehen. Ich war eine super oberflächliche Influencerin, der es mostly um Wohlstand ging und die auch für Klicks andere Menschen runtergemacht hat. Ich habe zwar keine unschuldigen Menschen kritisiert, bin aber oft übers Ziel hinausgeschossen. Feminismus war auch einfach nicht so mein Ding. Ich war das typische Pick-Me-Girl, das immer gesagt hat, dass mir andere Frauen viel zu anstrengend sind und ich lieber mit Männern chille. Eigentlich war das auch kompletter Bullshit. Internalisierte Misogynie.
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Also, ich war eigentlich in mir super frauenfeindlich. So wie die meisten Frauen und jungen Mädchen.
Ich musste vieles durch harte Erfahrungen lernen, da ich auch Opfer von Menschenhandel geworden bin und mehrfach vergewaltigt wurde. Nach und nach bin ich aufgewacht, habe mich mehr mit dem Thema beschäftigt, mit Freundinnen darüber geredet und gemerkt, dass laut Polizeistatistik jede Frau sexualisierte Gewalt erlebt. Die Dunkelziffer sagt sogar, dass von zehn meiner Freundinnen acht vergewaltigt wurden. Gefühlt wurde fast jede Frau da draußen schon einmal missbraucht – und wird immer noch missbraucht.
Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Nichte missbraucht wird, ist sehr, sehr hoch. Wenn ich eigene Kinder habe, gilt das auch für sie.
Ich habe mich mit Kriminalstatistik und dem Patriarchat beschäftigt und festgestellt, dass 98 Prozent aller Insassen in Gefängnissen Männer sind. Knapp 97 Prozent aller Mörder sind Männer. Knapp 98 Prozent aller Vergewaltiger sind Männer. Wenn ich Content produziere, sollte dieser einen Mehrwert haben. Das hat einerseits dazu geführt, dass ich keine Kooperationspartner mehr habe, wodurch mein kompletter Einkommensbereich weggebrochen ist. Firmen wollen lieber Personen, die zehnmal am Tag Werbung für irgendetwas machen und keinerlei Moral haben.
Ich setze meine Kreativität, mein Wissen als Marketing-Expertin und meine Erfahrung als Influencerin ein. Ich weiß, wie ich Content verfassen muss, damit er mehr Reichweite bekommt. Auch weiß ich, wie ich politischen Content verpacken muss, damit er Menschen triggert. Deshalb habe ich unfassbar viel Reichweite auf LinkedIn.
Du spielst sehr geschickt mit Kontrasten. In einem deiner Instagram-Beiträge ziehst du eine fettige McDonald’s-Tüte aus deinem Dior Book Tote Shopper. Was bedeuten solche Kontraste für dich?
Ich bin auch ein sehr kontrastreicher Mensch. Ich bin Parteimitglied bei den Linken – manche würden mich als linksradikal bezeichnen – und gleichzeitig Kapitalistin. Was natürlich erstmal ein Widerspruch in sich ist. Die wenigsten von uns sind schwarz oder weiß. Es gibt Schattierungen dazwischen. Ich liebe es, mit solchen Dingen zu spielen und auch zu provozieren. Das Video würde ich heute allerdings nicht mehr so machen. McDonalds‘ ist einfach ein schreckliches Unternehmen, für das ich indirekt keine Werbung machen will. Aber manchmal brauche ich auch einfach Spaß zwischen meinen ernsten Inhalten.
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Viele Menschen behaupten heute, dass man ja nichts mehr sagen dürfe. Was ist deine Antwort darauf?
Ehrlich gesagt, durfte man noch nie so viel sagen wie heute. Wir können ja alles sagen. Eine Beatrix von Storch kann beispielsweise sagen, dass sie an der Grenze auf geflüchtete Frauen und Kinder schießen möchte.
Oder Frau Weidel sagt, dass Hitler eigentlich links war.
Genau. Oder Olaf Scholz sagte als Kanzler, dass wir jetzt richtig abschieben. Donald Trump sagt, glaube ich, im Sekundentakt irgendetwas komplett Dummes und Gelogenes. Wir sehen an Jérôme Boateng oder Till Lindemann, dass es keine Cancel Culture gibt. In den meisten Fällen kann jeder Mann, egal was er getan hat, seine Karriere ohne Konsequenzen weiterführen.
Es gibt Meinungsfreiheit. Aber Meinungsfreiheit bedeutet halt nicht „Freiheit von Konsequenzen“.
Wenn ich das N-Wort benutzen möchte, muss ich klarkommen, dass man mich als Rassistin betrachtet. Die Aussage, man könne nichts mehr sagen, ist ein sehr krasses Narrativ, das von rechts oder sehr Konservativen kommt. Auf LinkedIn sehe ich auch mehr Posts, in denen erklärt wird, warum man nicht gendern sollen, als Posts, in denen dafür plädiert wird.
Ich glaube aber, du hast was ganz Richtiges gesagt: Die Kraft der Narrative. Also ich erlebe das auch auf Social Media, insbesondere auf Kanälen wie damals vielleicht noch Twitter, jetzt X oder Facebook.
Es ist halt auch eine Form von Marketing. Je öfter man etwas wiederholt, desto mehr Menschen glauben es. Deswegen fokussiert sich die AfD extrem auf TikTok und auch Donald Trump auf Social Media. Du musst eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann findest du Leute, die sie glauben. Deshalb hat jeder große Politiker seine Social Media-Manager und Experten in diesem Bereich. Politik ist heutzutage eine reine Marketing-Show. Es gibt aber auch positive Beispiele, wie Heidi Reichinnek. Sie ist die beliebteste Politikerin in ganz Deutschland. Das hätte vor einem Jahr niemand geglaubt. Ihre Reden gehen viral.
About Nala Wahle
Nala Kim Wahle ist feministische Aktivistin mit über 100.000 Followern auf Social Media. Sie spricht über Gewalt an Frauen und kämpft gegen das Patriarchat. Laut, unbequem und sichtbar. Sie ist Social Media Managerin im Bundestag für eine Abgeordnete und Podcast Host von Social Sins.
Das Interview wurde von Daniela Müller redaktionell aufbereitet.
Über den Autor
Hi, ich bin Enrico von cigarsauerkraut. Ich schreibe über Design, digitale Teilhabe und Inklusion – und helfe Marken, ihr strategisches Fundament in zukunftsfähige Designkonzepte zu übersetzen.