Holger Dubben: Duftkunsthändler und Gründer der Duftkunsthandlung Köln Von Neroli-Nostalgie und Sperma-Düften: Wie Parfüm Erinnerungen freilegt und Tabus bricht.

Holger, wie würdest du „Kreativität“ im Kontext von Parfum definieren und was macht einen Duft für dich zu Kunst?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Da gibt es zum einen die subjektive Wahrnehmung und zum anderen die objektive Betrachtung. Kreativität ist im Duft das Fundament meiner Arbeit, besonders in der sogenannten Nischen- oder Ultranischenparfümerie. Hier geht es nicht um Trends oder Marktforschung, sondern darum, Gefühle, Emotionen und Erinnerungen in Duft zu übersetzen.

Ein Parfümeur, auch ein fortgeschrittener, ist ganz häufig ein guter Handwerker mit künstlerischem Geschick. Er braucht aber eine Anleitung, wo die Reise hingehen soll.

Ganz häufig passiert es, dass Marken auf die Idee kommen: ‚Wir holen uns jetzt mal ein paar Parfümeure, die vielleicht mehr oder weniger bekannt sind und die schon erfolgreiche Düfte gemacht haben. Dann geben wir denen einen Freifahrtschein.“

Meine Beobachtung ist: Das funktioniert meistens nicht. Ein Parfümeur, selbst ein erfahrener, ist oft ein begabter Handwerker mit künstlerischem Gespür. Aber er braucht eine klare Anleitung, wo die Reise hingehen soll.

„Parfum ist eine Kombination aus Handwerk, Kreativität und künstlerischem Input.“

Also ähnlich wie in einer Agentur, wo es einen Kreativdirektor braucht.

Ja, das ist vergleichbar. Der Parfümeur arbeitet in seinem Labor, in seinem Kosmos. Viele haben ja eine romantisierte Vorstellung vom Beruf eines Parfümeurs. Aber die meisten sind „Labortäter“, die wie Chemiker den ganzen Tag im weißen Kittel Tinkturen und Rohstoffe mischen.

Der spannende Teil ist das Zusammenspiel zwischen Markengründer/-in und Parfümeur/-in. Wie finden die sich und wie funktioniert der Austausch? Es ist ein wechselseitiger Prozess, ein „Sich-Befruchten“: Der Parfümeur bringt Erfahrung aus anderen Projekten mit, der Gründer die Idee und beide müssen zueinanderfinden. Manchmal geht das schief.

Der Prozess von der ersten Idee eines Konzeptgebers bis zum fertigen Duft kann Wochen, manchmal sogar Jahre dauern.

Angenommen, der Prozess ist abgeschlossen. Was macht einen Duft für dich zur Kunst?

Für mich hat Duft viele Parallelen zur bildenden Kunst, noch mehr aber zur Musik. Wir sprechen in der Parfümerie mit ähnlichem Vokabular wie Musiker/-innen und Komponist/-innen. Auch die Arbeitsweise ist vergleichbar: Ein Komponist hat ein Repertoire an Instrumenten und Harmonien, ein Parfümeur ein Regal voller Substanzen, deren Dufteindruck er sehr gut kennt und die er häufig schon mit bestimmten Emotionen, Texturen oder Tonalitäten verbindet.

Wir sprechen von Duftnoten, von Duftakkorden, von Harmonien. […] Im Idealfall, bzw. abhängig von der Konzeption eines Duftkunstwerkes auch mit einer gewissen Dramaturgie - wie z.B. bei einer Oper oder einem Musical.

Es geht darum, etwas zu komponieren, das eine Stimmung, eine Emotion, eine Idee erlebbar macht. Im Idealfall, bzw. abhängig von der Konzeption eines Duftkunstwerkes auch mit einer gewissen Dramaturgie - wie z.B. bei einer Oper oder einem Musical. Frische Noten verschwinden, machen Platz für Wärme oder Tiefe, Dufteindrücke stehen im Dialog oder bilden Akkorde, die zusammen Harmonien, oder bewusst auch Disharmonien bilden können. Ein hochwertiger, komplex komponierter Duft hat oft eine Dramaturgie, vergleichbar einem Musikstück.

Du sprichst von Duftkompositionen – so habe ich das noch nie betrachtet, aber es stimmt: Es gibt tatsächlich Duftnoten, Kompositionen. Ich stell mir gerade vor, dass das ein sehr intensiver Prozess sein kann.

Genau. Und dieser kreative Prozess ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Bei unseren Düften für Olfactive Pharmacy haben wir bewusst mit verschiedenen Parfümeuren gearbeitet. Der erste Schritt war, den Markt zu sichten und ein Gespür dafür zu entwickeln, wie welcher Parfümeur arbeitet. Die haben alle eine Handschrift, eine Art „DNA“, auch wenn ich bei diesem Begriff im Zusammenhang mit Düften als Naturwissenschaftler eine gewisse Übelkeit verspüre ;-)

Man merkt: Wenn ein Parfümeur für verschiedene Marken arbeitet, haben seine Düfte oft eine unsichtbare Signatur.

Ein eigener Stil …

Deshalb war für uns entscheidend: Wer passt vom Stil her zu unserer Idee? Wir starteten gleich mit drei Düften, inspiriert von Heilpflanzen, aber modern und alltagstauglich. Für die ersten drei Düfte entschieden wir uns für das Parfümeur-Duo Mark Buxton und David Chieze, die schon für viele namhafte Häuser gearbeitet haben.

Wir stellten ihnen die Idee vor – und uns war wichtig, dass sie Spaß daran haben. Denn wenn jemand nur wegen des Geldes oder des Auftrags arbeitet, merkt man das. Wir wollten diesen Funken spüren: „Boah, das klingt super!“ Es dauerte einige Wochen bis sie Samples von ersten Entwürfen schickten.  

Da ist man beim ersten Mal sicher total aufgeregt, oder?

Es ist total spannend, live zu riechen, wie der andere deine Idee umgesetzt hat – und wie er sie interpretiert. Bei uns lief das so: Jeder der beiden Parfümeure kreierte zu jedem unserer drei Themen einen Duft. Wir wussten nur, dass wir pro Thema eines der beiden Muster auswählen würden, aber nicht, von wem es stammte.

Am Ende bevorzugten wir zweimal die Kreationen von Mark Buxton, einmal die von David Chieze, wie wir im Nachhinein erfahren haben. Dann hast du einen Rohdiamanten, der noch geschliffen und gefeilt werden muss, bis der „shining diamond“ entsteht, der Duft, der deiner Idee am nächsten kommt. Das ist ein Ping-Pong: „Der müsste etwas grüner sein… wärmer… länger halten…“ Dann kommen neue Proben, wieder wird ausgewählt – und so geht das drei, vier, fünf Runden, bis der finale Duft steht.

Der Parfum-Markt arbeitet oft mit starken Vereinfachungen: Zielgruppen, Geschlechter, Archetypen. Wie siehst du die Beziehung von Parfum und tradierten Geschlechterrollen im Marketing?

In der Nischenparfümerie oder Ultranischenperfümerie, mit der ich mich beschäftige, gibt es diese Stereotype nicht. Von aktuell über 750 Düften in meinem Sortiment tragen vielleicht drei oder vier „Homme“ oder „Woman“ im Namen – und das kommt in der Regel aus der Entwicklung oder Entstehungsgeschichte des Duftes heraus.

Faktisch ist es so, dass viele in der Branche der Meinung sind, dass ein Duft kein Geschlecht hat und sich auch keinem Geschlecht zuweisen lässt.

Aber – und hier kommt das große Aber – wir haben, wie in der Mode, gesellschaftliche Übereinkünfte. Es gibt unausgesprochene Trends, die mitspielen.

Die großen Designermarken kreieren nicht einfach einen Duft, weil sie eine coole Idee haben und weil der Sohn des Designers auf Capri im Urlaub war und seine Urlaubserinnerungen in Duft übersetzt haben will. Sie machen Marktforschung. Da geht es um Umsatz. Ich habe selbst an so einer Studie teilgenommen – für einen Joop-Duft. Man bekommt 4 bis 5 verschiedene Duftproben in kleinen Fläschchen und führt Tagebuch. Einmal am Tag kriegst du eine SMS: „Wie fühlst du dich damit? Welchen trägst du gerade?“ Am Ende kommt in die Flasche, was bei der Zielgruppe am besten ankommt. Dann wird noch ein Hollywood-Star als Testimonial engagiert und fertig ist der Lifestyle-Duft: „Kauf mich, und du fühlst dich wie dieser Star!“

In der Nische steht die Inspiration im Fokus.

In der Nische steht die Idee, die Geschichte, das Künstlerische im Fokus. Es ist egal, wer sich dafür begeistert. Denn Duft ist extrem individuell. Jeder verbindet damit andere Erinnerungen, Gefühle, Bilder.

Mir ist schlichtweg egal, wer vor mir steht – wie alt, wie viel Geld, welches Geschlecht. Ich will einen Einblick in ihre Duftwelt, verstehen, wie sie bestimmte Düfte wahrnehmen und was für sie positiv assoziiert ist.

Es geht nicht um „Ich zeige allen, wie ich rieche“, sondern um „Was löst das in mir aus?“ Das kann auch zu Hause passieren, wo niemand es mitbekommt. Duft ist dann wie ein Theaterstück nur für dich mit unvorhersehbarer Wirkung.

Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der, wenn er einen bestimmten Duft riecht, genau dieselben Emotionen und Erinnerungen hat wie ein zweiter. […] Duft ist so etwas Intimes.

Ein klassisches Beispiel: Junge Männer kommen oft und sagen: „Ich suche einen maskulinen Duft.“ Dann frage ich: „Was ist für dich maskulin?“ – „Weiß ich auch nicht, was haben Sie denn so?“

Für mich ist es extrem männlich, wenn ein Mann sich traut, zum Beispiel einen Duft mit einer intensiven Rosen-Note zu tragen, der klassisch in unserer Gesellschaft feminin konnotiert ist.

Denn das zeigt: Ich scheiß drauf, was andere denken. Ich trage, was mir gefällt. Die meisten erwarten, dass ich ihnen eine Flasche gebe, die sie „männlich“ riechen lässt. Aber ich kann nicht beeinflussen, wie ein Duft auf andere wirkt, genauso wenig wie meine Frisur oder meine Stimmlage. Duft ist etwas, das du für dich trägst.

Duft ist etwas zutiefst Individuelles – und gleichzeitig etwas, das wir teilen. Was passiert, wenn man Parfum nicht als reines Produkt denkt, sondern als Beziehung – zwischen Menschen, Erinnerungen, Körpern und Räumen?

Da fällt mir Paul Watzlawick ein: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Parfum ist eine Art von Kommunikation, die nicht durch Filter läuft. Das macht sie einzigartig.

Ein Beispiel: Bei Zeugenaussagen zu Straftaten stimmen viele Details nicht – „Der Täter war so groß, trug diese Kleidung…“ – nicht, weil sie lügen, sondern weil unser Gehirn die Flut an visuellen und akustischen Reizen filtert. Wir werden ständig überflutet: Werbetafeln, Handydisplays, Musik in den Ohren. Wenn wir das nicht ausblenden würden, würden wir verrückt.

Bei Düften funktioniert das nicht. Wir haben kein Filtersystem für Gerüche. Du kannst deinen Augen sagen: „Schau weg!“ – aber deiner Nase nicht: „Riech das nicht!“ Deshalb ist Duft die nachhaltigste Form der Kommunikation.

Weil ich nicht einfach den Duft „abschalten“ kann – er ist immer da.

Genau. Der Haken: Wir haben verlernt, bewusst zu riechen.  Und plötzlich entdeckst du Facetten, die du vorher abgelehnt hast – wie bei Oud-Düften: Viele empfinden sie erst als „Kuhstall“ oder „Urin“, aber mit der Zeit lernen sie, die Komplexität zu schätzen.

Wenn du lernst, wieder mit offener Nase durch die Stadt zu gehen – ohne Ablenkung durch Sprachnachrichten oder Musik – dann beginnt ein Sensibilisierungsprozess.

Gab es Momente, in denen ein Duft gesellschaftliche Normen infrage gestellt oder Raum für neue Narrative geschaffen hat?

Drei Projekte fallen mir ein. Alle mit starkem künstlerischem Anspruch. Erstens: „Sécrétions Magnifiques“ von Etat Libre d’Orange. Der Duft spielt mit Körperflüssigkeiten – Sperma, Blut, Milch, Adrenalin. Er polarisiert extrem, aber genau das war die Idee: Grenzen ausloten. Der Parfümeur Antoine Lie hat damit eine Debatte angestoßen – über Tabus, über Kunst, über Zumutbarkeit.

Zweitens: Ein italienisches Kunstprojekt – ich glaube, die Marke hieß früher O’Driu – wo der Künstler halbleere Flakons mit eigenem Urin füllte. Provokation pur, ähnlich wie Performance-Kunst mit Blut. Ob man das gut findet, ist eine andere Frage.

Drittens: „Revolution“ von Lisa Kirk. Sie interviewte Menschen, die an Revolutionen oder Bürgerkriegen beteiligt waren und fing den „Geruch der Revolution“ ein – brennender Gummi, Schweiß, Schießpulver. Der Duft kam in einer Metallröhre, die wie eine Rohrbombe aussah. Wenn du ihn riechst, bist du plötzlich mittendrin, ohne selbst in Gefahr zu sein. Das ist die Macht von Duft: „Perfume as Armchair Travel“, wie David Seth Moltz, der Parfümeur von D.S. & Durga, sagt.

Duft ist quasi Reisen vom Sessel aus. Du bist in deiner geschützten Umgebung, nur mit dir alleine und diesem Duft, aber sofort passiert in deinem Gehirn etwas und du bist eigentlich wo ganz anders.

About Holger Dubben

Holger Dubben ist Duftkunsthändler und Gründer der Duftkunsthandlung Köln. Nach 23 Jahren als Apotheker folgte er seiner Jugendleidenschaft: Er verkaufte seine Apotheken und eröffnete 2019 die Duftkunsthandlung. Als Naturwissenschaftler und Duftcoach verbindet er fundiertes Wissen über Inhaltsstoffe, Hautphysiologie und Geruchswahrnehmung mit einer individuellen, persönlichen Beratung.

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Das Interview wurde von Daniela Müller redaktionell aufbereitet.

Über den Autor

Hi, ich bin Enrico von cigarsauerkraut. Ich schreibe über Design, digitale Teilhabe und Inklusion – und helfe Marken, ihr strategisches Fundament in zukunftsfähige Designkonzepte zu übersetzen.

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