Psychotherapeut*in wird Coach: Der Rollenwechsel ist eine Identitätsfrage

  • 5 mins.
  • Enrico Kunze

Zusammenfassung

Der Gedanke liegt für viele näher denn je: Coaching anbieten, Vorträge halten, mit Unternehmen arbeiten. Die fachliche Grundlage dafür hast du längst – kaum ein Berufsstand versteht Menschen in Veränderungsprozessen so tief und kompetent wie deiner. Und trotzdem geht es bei dieser Frage zunächst gar nicht um die Umsetzung, sondern um etwas viel Grundsätzlicheres: Ist das, was ich dann tue, immer noch ich? Genau dort setzt dieser Text an. Nicht bei der Frage, wie man Coach wird – dafür gibt es Weiterbildungen. Sondern bei der Frage, wer du bist, wenn du im Coach-Sein angekommen bist.

Erst die Klarheit: Coaching ist keine Psychotherapie

Bevor wir uns mit deiner Identität auseinandersetzen, müssen wir uns über einige Dinge klar werden. Psychotherapie ist Heilkunde: die Behandlung von Störungen mit Krankheitswert, gebunden an Approbation und Berufsrecht. Coaching dagegen arbeitet mit psychisch gesunden Menschen an beruflichen und persönlichen Anliegen und Herausforderungen. Es ist keine Behandlung – und sollte im besten Fall auch nicht als solche beworben werden.


Das ist eine ethische wie rechtliche Grenze. Und hier gilt es, gerade in Kommunikation und Außendarstellung Klarheit walten zu lassen. Für die berufsrechtlichen Details sind deine Kammer und die Berufsverbände die richtige Adresse – dieser Text ersetzt keine berufsrechtliche Beratung.


Und noch etwas gehört zu den Grundlagen: Ich bin weder Berufsberater noch Coach. Ich werde dir nicht sagen, wohin du dich entwickeln sollst. Was ich dir aber sagen kann: Wenn du dich entscheidest, auch Leistungen im Bereich Coaching anzubieten, ist es für deine berufliche Identität unerlässlich, klar zu kommunizieren, wo du herkommst, wofür du stehst und was dein fachlicher Hintergrund ist. Genau das verleiht dir als Coach Relevanz – und führt dazu, dass sich die die richtigen Menschen für dich entscheiden: Einzelpersonen, Selbstzahler*innen und Unternehmen.

Der eigentliche Konflikt

Wenn ich mit Psychotherapeut*innen an diesem Übergang arbeite, tauchen drei innere Konflikte zuverlässig auf – und keiner davon steht in den Weiterbildungsbroschüren.


Der erste ist das schlechte Gewissen. Wer sich für den Coaching-Weg entscheidet, hat mitunter das Gefühl, dem Versorgungsgedanken dieses Berufs nicht mehr gerecht zu werden. Das ist völlig verständlich – aus meiner Arbeit mit Psychotherapeut*innen kenne ich dieses Gefühl, es spielt tatsächlich mit. Und es verdient Anerkennung statt Wertung, denn es zeigt nur, dass du deinen Beruf mit einer sehr starken Haltung ausübst. Zugleich lohnt der zweite Blick: Auch als Coach kannst du mit deiner fachlichen Ausbildung Menschen enorm unterstützen. Der Versorgungsgedanke lebt auf einer anderen Ebene weiter – in seinen Grundzügen bleibt er da.


Der zweite ist das Image des Marktes. „Coach" ist in Deutschland kein geschützter Begriff – und die Wahrheit ist: Da draußen bieten sehr viele Menschen unter dieser Bezeichnung Dienste an, für die ihnen jede fachliche Eignung fehlt. Die Sorge, mit diesen Menschen verwechselt zu werden oder in der Menge unterzugehen, ist absolut berechtigt. Die Antwort darauf ist aber nicht, den Begriff zu meiden. Es geht um fachliche Präzision – und darum, deine eigene Identität so zu schärfen, dass sie in einem Außenauftritt mündet, der klar kommuniziert: Diese Verwechslung kann bei dir gar nicht passieren. Eben wegen deiner fachlichen Ausbildung.


Der dritte ist die Frage der zwei Welten: trennen oder verbinden? Zwei Websites, zwei Auftritte, zwei Zielgruppenansprachen – oder eine Person, die beides trägt?

Zwei Welten, eine Person

Meine Erfahrung nach vielen dieser Prozesse zeigt: In den meisten Fällen ist eine Marke mit klar definierten Angeboten – und damit einer klaren Ansprache – stärker als zwei getrennte Auftritte. Denn das, was dich im Coaching wertvoll macht, ist genau deine therapeutische Substanz und deine fachliche Ausbildung: Tiefe, Sorgfalt, Beziehungsfähigkeit, das Wissen um Grenzen. Wer das in seiner Außendarstellung nicht klar kommuniziert und zeigt, wirbt mit halber Kraft.


Es gibt Ausnahmen, und die sind wichtig: Wenn deine therapeutische Arbeit einen geschützten Raum braucht, in dem Patient*innen nicht mit deiner Unternehmens-Sichtbarkeit konfrontiert werden sollen, kann eine Trennung richtig sein. Das ist dann tatsächlich keine Designfrage, sondern eine kommunikativ-fachliche Abwägung – und sie gehört an den Anfang des Prozesses.


Die Voraussetzung für einen kombinierten Auftritt als Therapeut*in und Coach ist auf jeden Fall eine Marke, die aus deiner Haltung heraus gebaut wurde. Dabei geht es nicht um deine Tätigkeitsbezeichnungen. Es geht darum, wie du etwas tust und wie du Menschen unterstützt. Therapeutische Angebote und Coaching-Angebote lassen sich in der Kommunikation völlig problemlos verbinden – wichtig ist, dass die Marke so konzipiert ist, dass deine persönliche Haltung im Zentrum steht. Denn dann wirst du unverwechselbar. Und dann ist es fast egal, wenn sich dein Angebotsportfolio ändert: Wer kommuniziert, wie er etwas tut, bleibt flexibel genug, um künftig neue Services und Angebote aufzunehmen. Warum das so ist, habe ich hier ausführlich beschrieben:

Warum du nicht jedes Mal ein neues Branding brauchst

Die richtige Form für deine Identität

Wenn du dich wirklich dazu entschieden hast, den Weg von der Psychotherapeut*in zum Coach zu gehen, kann sich das unter Umständen so anfühlen, als müsstest du eine komplett neue Identität annehmen. Wenn deine Marke aber auf Grundlage deiner Identität aufgebaut ist, musst du genau das nicht. Es geht vielmehr darum, die richtige Form zu finden, um deine Art, deine Haltung, deine Identität zur richtigen Zielgruppe zu bringen.


Ist das geschafft – die Haltung in Form übertragen –, verstehen Menschen auch ohne dich persönlich zu kennen, dass du die richtige Ansprechperson für sie bist. Und dann funktioniert der Auftritt als Speaker*in auf Bühnen, in Unternehmen oder im Coachingraum, ohne dass du dich dabei wie in einer fremden Haut fühlst.


Wie das konkret aussehen kann, zeigt meine Zusammenarbeit mit Dr. Barnabas Ohst. Er ist Psychologischer Psychotherapeut, und gemeinsam haben wir eine Personal Brand entwickelt, die sowohl seine therapeutische Tätigkeit als auch Vorträge und öffentliche Auftritte unter einer Identität versammelt. Das Ergebnis kannst du dir direkt anschauen: Auf seiner Website siehst du die Marke im Einsatz – Positionierung, Logo, Typografie und Farbwelt habe ich gemeinsam mit ihm aus seiner Identität heraus entwickelt.

Zur Website von Dr. Barnabas Ohst

Wenn du an diesem Punkt stehst

Ich begleite Menschen aus Psychologie und Psychotherapie durch genau diesen Übergang – von der Identitätsklärung bis zum fertigen Auftritt. Wenn du gerade in dieser Übergangssituation steckst: Melde dich. Wir schauen gemeinsam, was da ist. Mehr muss manchmal am Anfang auch gar nicht passieren.

Über den Autor

Hi, ich bin Enrico von cigarsauerkraut. Ich schreibe über Design, digitale Teilhabe und Inklusion – und helfe Marken, ihr strategisches Fundament in zukunftsfähige Designkonzepte zu übersetzen.

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